Interpretation

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In|ter|pre|ta|tion [ɪntɐpreta'ts̮i̯o:n], die; -, -en:
auslegende Deutung (von etwas):
die Interpretation eines Textes, seiner Worte.
Syn.: Bestimmung, Erklärung, Erläuterung, Kommentar.

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In|ter|pre|ta|ti|on 〈f. 20
1. Erklärung, Auslegung, Deutung
2. künstlerische Wiedergabe (eines Musikstückes)
[<lat. interpretatio „Auslegung, Deutung“]

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In|ter|pre|ta|ti|on, die; -, -en [lat. interpretatio] (bildungsspr.):
1.
a) Erklärung, Deutung von Texten, Aussagen o. Ä.:
die I. eines Gedichtes, Romans;
eine I. [eines Films, Stücks] schreiben;
b) Auslegung, Auffassung, Darstellung:
sein Verhalten, seine Bemerkung lässt verschiedene -en zu;
auf die Erhebung folgt dann die Auswertung und die I. der Daten;
das ist eine Frage der I.
2. auf der jeweils mehr od. weniger persönlichen Deutung, Auslegung eines Musikstücks beruhende künstlerische Wiedergabe von Musik:
eine meisterhafte I. des Klavierkonzerts;
diese I. des Liedes entspricht dem Geist der Romantik.

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Interpretation
 
[lateinisch »Erklärung«, »Auslegung«] die, -/-en,  
 1) allgemein: Akt und Ergebnis des Verstehens, in weitester Bedeutung aller sinnhaltigen Strukturen, im engeren Sinn von juristischen (Auslegung), theologischen (Exegese), historischen, philosophischen u. a. Quellen, von Kunstwerken allgemein und Dichtung im Besonderen (Hermeneutik). Gegenüber dem naiven Verstehen, das Voraussetzung der Interpretation ist, zeichnet sich diese durch stetige Reflexion ihrer Bedingungen, ihres Gegenstandes und ihres Vorgehens aus.
 
 2) In der Literaturwissenschaft ändern sich Rang und Bedeutung der Fragestellungen der Interpretation je nach dem intendierten Erkenntnisgegenstand. Dieser kann 1) außerhalb des engeren Gebietes der Literaturwissenschaft liegen, d. h., Dichtung wird dann z. B. als historische, soziologische Quelle benutzt; es können 2) anthropologische Konstanten (z. B. Weltanschauungstypen) oder umfassende Prinzipien wie Gattung, Stil, Idee, Geist eines zeitlich und räumlich begrenzten Kollektivs (Epoche, Nation) sein, aber auch 3) der Autor und 4) das einzelne Werk. Die Interpretation kann sich auf das Einzelwerk beschränken, sie kann auch methodischer Ausgangspunkt zu umfassenderer Synthese sein. Aus der unterschiedlichen Auffassung der einzelnen Faktoren und ihrer Beziehungen resultieren die jeweiligen ästhetischen und poetologischen Postulate, die wiederum Gegenstand, Methode und Resultat der Interpretation bestimmen.
 
Bereits die antike Philologie bediente sich verschiedener Instrumentarien der Interpretation zur Textdeutung, etwa in der Wort- und Sacherklärung oder der Allegorese. Diese wurde im Mittelalter durch die Lehre vom mehrfachen Schriftsinn zu einer hermeneutischen Technik der Deutung sowohl antik-heidnischer wie auch christlicher Texte ausgestaltet. Seit dem Humanismus wurden die antiken Methoden und Hilfsdisziplinen der Interpretation erweitert (Textkritik, Lexikographie, Grammatik, antiquarische Forschung). Mit dem Entstehen der historisch-kritischen Philologien zu Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte sich, beeinflusst von der starken Stellung der Naturwissenschaften, eine positivistische Interpretation, die sich v. a. auf Quellen, Einflüsse und biographische Daten stützte (W. Scherer).
 
Um die Jahrhundertwende bildeten sich, in Opposition zu Historismus und Positivismus, neue Methoden typologischer und formal-ästhetischer Interpretationen. Später entstanden daraus einzelne Schulen dichterischer oder morphologischer Interpretation (B. Croce, O. Walzel, Günther Müller, K. Vossler, L. Spitzer), die das Schöpferische hervorhebt, Form als geistigen Ausdruck deutet. Daneben wurde in der Nachfolge W. Diltheys auch die geistes- und ideengeschichtliche (hermeneutische) Interpretation gepflegt (E. Ermatinger, R. Unger, P. Kluckhohn). Von großem Einfluss auf die Entstehung und Auslegung der Literatur der sozialistischen Länder in der Zeit nach 1918 war die aus dem historischen Materialismus hervorgegangene marxistische Literaturtheorie (G. W. Plechanow, G. Lukács), die auch auf die westliche Literatursoziologie, die Rezeptionsforschung sowie den ideologiekritischen Kulturbegriff der Frankfurter Schule einwirkte. In Deutschland entstanden nach dem Ersten Weltkrieg jedoch in Anknüpfung an H. Wölfflin, der die Form als wesentlichstes Element der Kunstbetrachtung ansah, vorwiegend stilgeschichtliche Untersuchungen (u. a. von F. Strich). Auf das Vordringen einer rassistischen, »völkisch-nationalen« Interpretation von Dichtung folgte die Beschränkung auf werkimmanente Interpretation, die den einzelnen Text möglichst aus sich selbst heraus zu verstehen sucht, ohne ihn auf »außerdichterische« Phänomene zu beziehen (E. Staiger, W. Kayser). Als Gegenbewegung zu positivistischen, geisteswissenschaftlichen und soziologischen Methoden setzte sich in den USA zwischen 1930 und 1960 der New Criticism durch, der sich wie der russische Formalismus, dessen Ideen er aufgriff und weiterentwickelte, auch außerliterarischen Bereichen (Psychoanalyse, Anthropologie) öffnete. Daneben trugen in den 1960er- und 1970er-Jahren kritische Theorie sowie von der Rezeptionsästhetik entwickelte Interpretationsverfahren zu dem heute vorherrschenden Methodenpluralismus bei. Auf den russischen Formalismus rekurrierende, ebenso mathematische Methoden verwendende Interpretationsverfahren konnten sich nicht allgemein durchsetzen. Auch der Strukturalismus, der die wissenschaftliche Objektivität der Textinterpretation in den Vordergrund stellt, ist eine Weiterentwicklung der von den russischen Formalisten entwickelten Narrativik (V. Propp). Im Anschluss daran propagierten die Hauptvertreter des auf der Basis des Poststrukturalismus (G. Deleuze, M. Foucault, J.-F. Lyotard, R. Barthes) entstandenen Interpretationsverfahrens des Dekonstruktivismus (J. Derrida, J. Lacan, »Yale school of criticism«) ein radikales Gegen-den-Strich-Lesen auf allen Gebieten der Kultur und Wissenschaft. Unter Berufung auf die ikonoklastische Philosophie F. Nietzsches, die Hermeneutik M. Heideggers und die Psychoanalyse S. Freuds lehnen die Vertreter des Dekonstruktivismus die Vorstellungen formalistisch-werkimmanenter Interpretationsmethoden wie Geschlossenheit, formale Einheit, textuelle Autorität, metaphysische Präsenz und eine eindeutig gegebene Bedeutung als Illusion ab und betonen stattdessen die Offenheit, dynamische Prozessstruktur, den Spiel- und Performanzcharakter von Literatur. (Literaturkritik, Literatursoziologie, Literaturwissenschaft)
 
 
E. Leibfried: I. (31977);
 E. Staiger: Die Kunst der I. (51982);
 J. Schutte: Einf. in die Literatur-I. (31993).
 
 3) Logik und Mathematik: die Zuordnung eines konkreten Gegenstandsbereiches zu einem formalen System. Dabei werden den Individuenkonstanten des Systems Elemente des entsprechenden Gegenstandsbereiches zugeordnet und den n-stelligen Prädikaten n-gliedrige Folgen von Elementen (n ∈ ℕ). Diese Zuordnungen müssen eindeutig sein. In der Logik interessiert man sich v. a. für Interpretationen, mit deren Hilfe man einen Wahrheitsbegriff für das fragliche formale System (z. B. die Prädikatenlogik) einführen kann.
 
In der Mathematik werden Interpretationen meist Modelle genannt. So bilden beispielsweise die gewöhnlichen natürlichen Zahlen ein Modell des durch die Peano-Axiome definierten formalen Systems. Die analytische Geometrie liefert ein Modell für die axiomatisch eingeführte euklidische Geometrie.
 
 4) Musik: musikalische Aufführungspraxis.
 

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In|ter|pre|ta|ti|on, die; -, -en [lat. interpretatio] (bildungsspr.): 1. a) Erklärung, Deutung von Texten, Aussagen o. Ä.: die I. eines Gedichtes, Romans; Schon kurz nach dem Aufenthalt auf Sylt schrieb Thomas Mann eine gründliche, viele Details erörternde I. des Kleistschen „Amphitryon“ (Reich-Ranicki, Th. Mann 76); b) Auslegung, Auffassung, Darstellung: sein Verhalten, seine Bemerkung lässt verschiedene -en zu; da sowohl die Probenahme als auch die Auswertung und die I. der Ergebnisse nur durch speziell ausgebildetes Personal ausgeführt werden kann (Rhein. Merkur 18. 5. 84, 28); Es war für die exakte Zuordnung und I. der Funde ... wichtig zu wissen, wo genau die Fossilien gelagert hatten (Kegel, Ölschieferskelett 283). 2. auf der jeweils mehr od. weniger persönlichen Deutung, Auslegung eines Musikstücks beruhende künstlerische Wiedergabe von Musik: eine meisterhafte I. des Klavierkonzerts; diese I. des Liedes entspricht dem Geist der Romantik.

Universal-Lexikon. 2012.

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